Die Nacht ist mein Freund, Teil 3: „Der Digitale Untergrund (DU) hilft“

Die düstere Anti-Utopie mit realem Hintergrund, vor der uns der Flaschenpost-Artikel Auf dem Weg in die orwellsche Dystopie warnt, veranlasste mich eine weitere Strecke auf diesem Weg in die Zukunft zu gehen.

Fortsetzung von Teil 2 „Der Digitale Untergrund (DU) erwacht“

 

potato power! | CC BY-SA 2.0 | Martin Fisch

potato power! | CC BY-SA 2.0 | Martin Fisch

Langsam nähere ich mich einem Supermarkt, in dessen Hinterhof täglich Lebensmittel in Container geworfen werden. Waren, die noch brauchbar sind, Nahrung, die noch haltbar ist. Eine künstliche Verknappung von Waren und Lebensmitteln ist für das System wesentlich geworden. Nur so können Preise aufrecht erhalten werden, die die Profitschwelle übersteigen. Unheimlich, wie viele Tonnen dieses Scheinmülls jeden Tag anfallen. Der Scheinmüll aus Waren entzieht sich jeder Kontrolle, weil nur noch der Brennwert zählt. Auch nach großen Aufklärungskampagnen hat sich daran nichts geändert. Denn die Vernichtung ist systemimmanent, um künstliches Wachstum zu erzeugen. Beim Containern treffe ich eine Freundin. Im mondgleichen Scheinwerferlicht sehe ich ihr verstohlenes Lächeln. Wir teilen unsere Funde, um uns Vielfalt zu schenken. Teilen ist das neue Haben.

Das alte Haben gibt es auch nicht mehr. Nachdem das Bargeld verschwunden war, kamen die Negativzinsen. Sie sagten: zur Bekämpfung von Geldwäsche, Drogenkonsum und Terrorismus. Bargeld hättest Du verstecken können, Girogeld aber schmilzt wie Plastik im Feuer. Die Inflation fraß die Habenzinsen zwar schon lange auf und damit auch jede Altersvorsorge. Doch erst als die Negativzinsen kamen, brannte den Leuten das Geld in der Tasche. Ein ungeahnter Kaufrausch folgte, denn Sparen und Konsumverzicht lohnten nicht mehr. Der globale Wirtschaftsmotor überhitzte final – es gab keine bezahlbaren Ressourcen mehr. Die folgende Finanzkrise war wie ein Weltkrieg gegen die Armen. Nun herrschen keine verschuldeten Staaten mehr, sondern Konzernkapitale, die alle Macht besitzen ohne Geld zu brauchen.

Wir hängen tief in die Container gebeugt. Markenbewusst achten wir darauf, welche Produkte gefahrlos genießbar sind. Viele Fleischprodukte sind antibiotica- und hormonbelastet. Andere Lebensmittel enthalten schädlich viel Salz oder Geschmacksverstärker, deren Chemie die Zungen von Kindern korrumpieren. Die meisten Lebensmittel sind völlig überzuckert oder mit künstlich designten Süßstoffen durchsetzt. Ein Großteil der Gesellschaft ist bereits körperlich stark gezeichnet durch die Praktiken einer menschenverhöhnenden Lebensmittelindustrie. Das Nährstoffkartell wird auch künftig verhindern, eine Lebensmittelampel für Zucker, Salz und Fett aufdrucken zu müssen. Schleichend vergiften sie uns aus reiner Profitgier.

Unbelastete Lebensmittel sammeln wir für unsere Suppenküchen. Wir finden Brauchbares für die Zweite Hand, Ersatzteile für selbstorganisierte Reparaturläden und Tauschwaren für die Paech’schen Verschenkmärkte. Unverhofft fallen mir Bücher auf und Spielzeug, das wir unseren Tagespersonen mitbringen: Für Altersarme, Asylgetäuschte, Straßenkinder und jene, die die Straf-Sanktionen der staatlichen Almosen-Ämter nicht länger ertragen wollten. Die Geld-Eliten lassen dafür Gesetze schreiben und spielen die Verlierer gegeneinander aus. Es gibt Millionen Verlierer – ohne Hoffnung, ohne Perspektive, ohne soziale Anerkennung und grau wie die Kästen, die niemand mehr sieht.

Unser Helfen ist keine Sozialromantik. Es ist ein harter und erbitterter Kampf. Die Frustrationsschwelle ist niedrig geworden gerade bei jungen Menschen, die gestern noch beseelt davon waren, sich gegen ein ungerechtes Wirtschaftssystem aufzulehnen. Heute erfahren sie, was es bedeutet, jeden Tag die eigene Wut zu kanalisieren, trotz Verzweiflung nicht aufzugeben, sich nicht mit Zynismus oder Drogen zu betäuben. Auf Konsum zu verzichten. Hart ist es, die eigene Bequemlichkeit zu überwinden, um nicht doch wieder in die heile Scheinwelt der Medienillusion zu flüchten.

Also träumen wir nicht nur von vage skizzierten Alternativen einer freien Gesellschaft. Wir entwerfen konkrete Visionen einer anderen Welt und versuchen sie in unserem Leben umzusetzen. Wir bauen eine Welt, in der die Menschen selbst organisieren. Damit eröffnen wir verblüffende Perspektiven. Wir glauben daran, dass Menschen herrschaftsfrei ohne Staat leben können. Wir bilden Netzwerke mit horizontalen Strukturen, autonome Organisationen ohne Hierarchien. Die Strukturen einer sterbenden, konsumorientierten Weltordnung lassen keine Alternativen zu. Sie blockieren unsere Zukunft.

Unsere Zukunft wird geprägt sein durch knappe Ressourcen. Doch sprechen wir nicht von Verzicht, sondern von Beschränkung aufs Wesentliche, Befreiung von Ballast, Entschleunigung des Lebens. Dabei ist Individualität unser höchstes Gut – sie zu bewahren und zu leben verlangt große Verantwortung. Verantwortung nicht für sich selbst, sondern für den Anderen. Die Frage lautet nicht mehr, wo die Grenzen des anderen beginnen, um sie nicht zu überschreiten. Die Frage ist, wie weit Du Dich selbst beschränken kannst, um die Individualität aller zu bewahren.

Ohne Gemeinsinn hat Eigensinn schon vieles gesprengt – Ideen, Projekte, Gemeinschaften bis hin zu Parteien, in denen maßlose Ichbezogenheit und Selbstüberschätzung Einzelner den Erfolg des Großen und Ganzen aller verhindert hat. Die Welt wird wieder kleiner werden. Wer Individualität in einer Zukunft rarer Güter leben will, muss zuerst seine eigenen Grenzen kennen. Das Individuum ist egozentrisch, doch es überlebt nur durch die Berührung zum Du.

Die Nacht ist mein Freund. Ich berühre Dich im Schlaf. Wenn Du erwachst, kennst Du meine Träume.

 

Quellen:

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Die Nacht ist mein Freund, Teil 2: „Der Digitale Untergrund (DU) erwacht“

Die düstere Anti-Utopie mit realem Hintergrund, vor der uns der Flaschenpost-Artikel Auf dem Weg in die orwellsche Dystopie warnt, veranlasste mich eine kleine Strecke auf diesem Weg in die Zukunft weiter zu gehen.

Fortsetzung von Teil 1 „Die Nacht ist mein Freund“

 

TocaMe09 - on the way to the venue DIKTATUR DER SICHERHEIT | CC BY-SA 2.0 | Sven Steinmeyer

TocaMe09 – on the way to the venue
DIKTATUR DER SICHERHEIT | CC BY-SA 2.0 | Sven Steinmeyer

Abends bin ich sicher alleine. Die Sensorik weiß, dass ich jetzt schlafe. Daran besteht kein Zweifel, denn alle Parameter stimmen. Meine Augen sind geschlossen, ich atme langsam und gleichmäßig. Gleich wird die Sensorik die Lüftung auslaufen lassen, aber die Wohnung über 16 Grad halten. Unbewegt liege ich unter der Decke, die Arme ausgestreckt und eng am Körper.

In meinem Schlafzimmer ist ein Thermostat der Firma „Rest“ installiert. Solange mein Körper genug Wärme abstrahlt, weiß die Sensorik, dass ich im Raum bin. Und sie weiß, dass ich schlafe. In anderen Wohnungen überwachen CO2– oder Bewegungssensoren unsere Anwesenheit. Die Bewegungssensoren sind die misstrauischten. Du musst Dich langsamer als ihre Wahrnehmungsschwelle bewegen. Für die CO2-Sensoren – jeder Biokörper atmet – genügt es, aus handelsüblichen Kohlensäurepatronen das Gas langsam, kontrolliert ausströmen zu lassen. Meinen Wärmesensor täusche ich mit einer unregistrierten Heizdecke. Um den Stromverbrauch zu erklären habe ich eine Lavalampe, die ich noch nie eingeschaltet habe. So bleibt das Logbuch in den Smart Metern unauffällig.

Lange Zeit war es schwierig, die mit Alarmanlagen geschützten Haustüren zu überwinden. Der Schutz richtete sich seit 2015, dem Jahr der Terrorwende, nicht gegen Eindringlinge von außen, sondern gegen Ausdringlinge von innen, um die staatlich verordneten Ausgangssperren zu überwachen. Seit dem permanenten Ausnahmezustand nach französischen Vorbild erlässt die Geheime Terror Polizei häufig Ausgangssperren, um auch nachts die innere Sicherheit aufrecht zu erhalten. Ein einfacher Trick macht die fremde Alarmanlage an der eigenen Haustür unschädlich: Ich lasse die Haustür offen. Für die Anlage reicht es, dass ein kleiner Streifen Klebeband über den Kontakten die Meldung verhindert, dass die Tür ins Schloss gefallen ist. So weiß die Sensorik, dass die Haustüre noch offen steht und wartet geduldig darauf, die Alarmanlage scharf zu machen.

Die Bewegungsprofile, die über uns alle erstellt werden, nutzen wir für Alibis. Unsere Firmenhandys leben das Leben, das von uns erwartet wird, denn sie senden einen steten Strom von Geopositionen. Für die Überwacher ist es bequem zu glauben, dass ein Handy immer dort sei, wo auch der Besitzer ist. Unsere privaten, illegalen Handys aber durchdringen die Aluminiumfolie nicht, in der wir die kleinen verräterischen Ortungswanzen aufbewahren. Wir nennen sie liebevoll „Aludevs“. Manchmal hilft es auch, sie einfach offen liegen und senden zu lassen. Aber Deine Gewohnheiten verraten Dich besser als Deine Geopositionen. Deswegen tauschen wir häufig unsere SIM-Karten mit Unbekannten. Der Digitale Untergrund vermittelt uns dafür die Partner, während jeder seinen Basistarif weiterzahlt. Nur innerhalb unserer Zelle tauschen wir die neuen Handynummern aus. Mit anderen Zellen kommunizieren wir asynchron mit #Realtags – neusprech für „Graffiti“.

Die Nacht ist mein Freund.

Meine Wohnung verlasse ich ohne einen Alarm auszulösen. Das Firmenhandy schläft für mich. Mein Aludev hole ich aus einem unscheinbaren grauen Kasten an der Straße. Obwohl sie überall stehen, sind die grauen Kästen für die meisten Menschen unsichtbar – nur wer danach sucht oder ganz bewusst darauf achtet, nimmt sie noch wahr. Wir selbst sind graue Schläfer. Für jeden sichtbar unbemerkt.

Meine heutige Aufgabe ist es, Bildprozessoren auszutauschen. Seit Wochen tauschen wir Bildprozessoren in Videokameras aus, die den öffentlichen Raum überwachen. Der Digitale Untergrund hat in die manipulierten Bildprozessoren zusätzliche Funktionen einprogrammiert: Zum einen wird der Videostream nur noch zeitverzögert übertragen. Zum anderen können im Bild sich bewegende Objekte und Menschen aus dem Videostream herausgerechnet werden. Diese Funktion kann in der Überwachungskamera im laufenden Betrieb aktiviert werden. Dafür strahlen wir mit einem Laserpointer in die Kamera und zeichnen ein Symbol in die Luft – einen Lichtkreis.

Im Schatten der Überwachungskegel bewege ich mich durch die Stadt. Die Stadtpläne des Digitalen Untergrunds haben die Sichtbarkeitsbereiche eingezeichnet, doch längst weiß ich, wie ich mein Velo auf den Wegen bewegen muss. Auf Straßen und Plätzen, die lückenlos überwacht werden, setzen wir den Lichtkreis ein, damit die manipulierten Bildprozessoren für mehrere Minuten alle sich bewegenden Objekte ausblenden. Die Bildprozessoren zeigen an deren Stelle nur den Hintergrund an, der ohne Objekt zu sehen war. In den Zentralen, in die die Kameras streamen, sitzen die Überwacher und fühlen sich sicher. Denn sie glauben nur, was sie sehen.

Gefährlich wird es bei Drohnen, die unsichtbar über unseren Städten schweben. Nur das unterdrückt aggressive, schallgedämmte Dröhnen der Motoren verrät ihre Position am Nachthimmel. Dann aber strahlen einer nach dem anderen, mehrere, viele Laserpointer suchend in den Nachthimmel, finden bald das Ziel und blenden mit vereinten Kräften die Zielerfassung. Ein phantastisches Spiel der Laserschwerter! Ohne jede Absprache vom Boden aus, aus Häusern heraus und von Dachgärten hinauf tanzen sie ein Ballett der Eintracht. Es ist erhebend, Teil zu sein, einer von vielen, die ungefragt einander beistehen. Attackiert werden jedoch nur unbenannte Flugkörper – die schwarzen Transportflüge, die nachts über unsere Köpfe hinweg Gefangene in Folterzentren fliegen, lassen wir in ohnmächtiger Wut ziehen.

Ich schaue in die Nacht und träume von Dir.

Fortsetzung in Teil 3 „Der Digitale Untergrund (DU) hilft“

 

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Die Nacht ist mein Freund, Teil 1

Die düstere Anti-Utopie mit realem Hintergrund, vor der uns der Flaschenpost-Artikel Auf dem Weg in die orwellsche Dystopie warnt, veranlasste mich eine kleine Strecke auf diesem Weg in die Zukunft zu gehen.

 

Überwachung des Computernutzers. Szene eines Wahlspots zur BTW09 der Piratenpartei.

Überwachung des Computernutzers. Szene eines Wahlspots zur BTW09 der Piratenpartei.

Die Nacht ist mein Freund

Die Sensorik weiß, dass ich noch schlafe. Daran besteht kein Zweifel, denn alle Parameter stimmen. Meine Augen sind geschlossen, ich atme langsam und gleichmäßig. Die Sensorik glaubt nicht, die Sensorik weiß. Sie weiß, ob ich schlafe oder nicht. Unbewegt liege ich unter der Decke, die Arme ausgestreckt und eng am Körper. Bewusst genieße ich die Ruhe vor dem Tag. Gleich wird die Sensorik leise die Lüftung anlaufen lassen, um die Wohnung auf 21 Grad zu erwärmen. Dann wird mich ihr Wecker einladen aufzustehen.

Der Morgen hat einen festen Ablauf. Während die gesteuerte Kaffeemaschine läuft, habe ich Zeit zu duschen. Die Sensorik weiß, wieviel Wasser sie dafür auf welche Temperatur bringen muss. Das Frühstück stelle ich mir individuell zusammen aus einem Angebot an Brot, Aufschnitt und Obst. Mein Verbrauch wird registriert und fehlende Lebensmittel nachbestellt. Das macht der Kühlschrank ganz automatisch über den lokalen Lebensmittellieferanten.

Während ich beim Zähneputzen vor dem Spiegel stehe, misst die Sensorik über den Fußboden mein Körpergewicht und über meine Abwärme errechnet sie die Körpertemperatur. Mit der Krankenkasse hatte ich einen günstigen Tarif vereinbart, der es mir erlaubt, weitere Körperparameter durch ein Implantat zuverlässiger ermitteln zu lassen als es durch Tragen einer medClock möglich wäre. Viele andere tragen ihre medClock noch am Handgelenk, so dass der Sensorik wichtige Informationen verloren gehen.

Nach den kalorienreichen Feiertagen finde ich mehr fettreduzierte Produkte im Kühlschrank und eine größere Auswahl an Obst und Nahrungsergänzungsmitteln. Die Sensorik kennt meinen Cholesterinwert und kann mich gesünder ernähren, als ich dazu in der Lage wäre. Auch der für mich ermittelte Bedarf an Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen geht in die Vorauswahl meiner Speisen und Getränke ein. Spätestens mit dem Aussetzen der wärmenden Lüftung wird es Zeit, die Wohnung zu verlassen; dafür habe ich ein Zeitfenster.

Das Automobil kennt den Weg, ich fahre nicht mehr selber. Die Versicherungspolice für Individualfahrer war mir zu teuer. So kann ich bereits im Wagen während der Fahrt die ersten Firmenmitteilungen lesen, ohne auf den Verkehr zu achten. Das verschafft mir einen kleinen Vorteil, denn es wird protokolliert, ab wann jeder einzelne Mitarbeiter bereit ist, seine Aufmerksamkeit der Firma zu widmen.

Abhängig vom Verkehr in den Pendlerspuren wird die Geschwindigkeit des Automobils gesteuert. So komme ich jeden Morgen pünktlich zur gleichen Zeit im Parkhaus der Firma an. Im Parkhaus wird das Automobil gewartet und elektrisch aufgeladen, bis es von Außendienstmitarbeitern benötigt wird. Es ist ein Privileg, ein Automobil alleine fahren zu dürfen.

Meine Zutrittslegitimation für das Büro weise ich durch einen RFID-Chip nach, den ich subkutan trage, seit ich in der Firma angestellt bin. Die Firma lässt jedem Mitarbeiter die freie Wahl, wo am Körper der Chip getragen werden kann – nur wenige Firmen bestehen noch auf einem festen Körperplatz. In früheren Jahren führte das zu Komplikationen im Sicherheitsbereich, als Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz zwischen Firmen wechselten, deren Legitimationschips an der gleichen Stelle erwartet wurden.

Die Firma ist Teil eines Konzerns, der Waren automatisiert durch Roboter herstellen lässt – wobei uns die neue Redensart einlädt, würdevoller von „artifiziellen Mitarbeitern“ zu sprechen. Die neue Redensart ist ein Konzernsprech, der von vielen Mitarbeitern gerne verwendet wird. Die neue Redensart ist auch auf Brainbook populär. Brainbook ist das Update von Facebook.

Auf Brainbook treffen sich alle Mitarbeiter – auch die artifiziellen. Auf Brainbook kennt man keine Unterschiede mehr zwischen Mensch und Maschine, zwischen Natur und Kunst, zwischen Ist und Soll. Im liberalen Neosozialismus haben wir alle die gleichen Rechte. Vor Brainbook sind wir alle gleich. Und jeder bekommt die Anerkennung, die anderen gefällt.

Durch geführte Interaktionen verbessert Brainbook nicht nur unsere Sprache. Auf Brainbook finden wir unsere Communitystandards – so gehört, zum Beispiel, sexuell irritierende Nacktheit schon lange der Vergangenheit an. Auf Brainbook erfahren wir, welche Trends aktuell, welche Musik gut und welche Themen wichtig sind. Wir tauschen uns aus über die neuen Vorabendserien im Televisor, deren Schauspieler unsere Idole sind. Ihre Dialoge sind Leitlinien unserer Kultur.

So ist Brainbook mehr als nur Information und Unterhaltung. Es ist wie ein Spiel, dessen Elemente in unseren alltäglichen Arbeitsablauf eingebaut sind. Das motiviert uns Arbeitnehmer und steigert unsere Produktivität. Beliebt sind vor allem Scoring-Systeme, in denen wir Mitarbeiter im Wettbewerb zueinander stehen. Wir alle bekommen Scores für gutes, gefälliges oder produktives Verhalten. Mitarbeiter mit einem hohen Scoring werden belohnt: Sie dürfen Urlaubsreisen beantragen und bekommen einen Kredit von der Goldmannbank.

Für ein geringes Scroring gibt es aber keine Strafen, nur weniger Vielfalt in der Nahrungsauswahl. Unser Scoring ist öffentlich für jeden einsehbar. Brainbook benachrichtigt mich, wenn ein enger Mitarbeiter ein niedriges Scoring bekommt. Denn das hat Einfluss auch auf mein eigenes Scoring. Brainbook belohnt dann diejenigen, die Vertrauensbrüche anzeigen, Effizienzvorschläge machen oder andere zu Korrekturgesprächen vorschlagen. So gibt uns Brainbook auch Sicherheit im Umgang miteinander. Uns gefällt das.

Über Brainbook gibt die Geheime Terror Polizei jeden Morgen einen allgemeinen Terrorbericht heraus: Nur bei guten Terrorprognosen können sportliche Großveranstaltungen stattfinden und größere Unterhaltungsshows genehmigt werden. Dabei zeigt die GeTerrPo eine hohe Verantwortlichkeit darin, keinen von uns durch beängstigende Antworten (oder Teile davon) zu beunruhigen. Seit 2015, dem Jahr der Terrorwende, ist das Verhältnis zwischen Terrorwarnungen (inkl. der abgesagten Veranstaltungen) zu real verübten Attentaten beruhigend hoch. Sicherheit ist ein Supergrundrecht.

Unsere wachsame Ängstlichkeit untereinander sorgt auch dafür, dass sich weniger Menschen mit Krankheiten anstecken. Die Vereinzelung am Arbeitsplatz, im öffentlichen Raum und auch bei privaten Zusammenkünften hat sehr positive Auswirkungen auf den allgemeinen Krankenstand – wegen der reduzierten Infektionsmöglichkeiten kommt es zu deutlich weniger Erkältungs- und Geschlechtskrankheiten. Lebe ich gesund, können mich die Beauftragten der Pharmaindustrie (altsprechlich „Ärzte“) auch für einen günstigeren Krankenkassenbeitrag vorschlagen. Daher wähle ich meine Kontakte ausschließlich über geprüfte soziale Netzwerke.

Abends bin ich sicher alleine. Die Sensorik weiß, dass ich jetzt schlafe. Daran besteht kein Zweifel, denn alle Parameter stimmen. Meine Augen sind geschlossen, ich atme langsam und gleichmäßig. Gleich wird die Sensorik die Lüftung auslaufen lassen, aber die Wohnung über 16 Grad halten. Unbewegt liege ich unter der Decke, die Arme ausgestreckt und eng am Körper.

Die Nacht ist mein Freund. Nur ich kenne ihre Träume.

 

Quellen:

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Das Auge Gottes

Caritas Schweiz: Prix Caritas 2014 | CC BY 2.0

Caritas Schweiz: Prix Caritas 2014 | CC BY 2.0

Sieh nicht hin, mein Junge, sieh Deinen Vater an. Sie sind wieder da oben am Himmel, denn sie können fliegen. Weiterlesen

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Der Gigant schläft.

Eine Hommage an Helmut Schmidt.

Es ist kalt in Hamburg an diesem Montag, den 23. November 2015. Kalt, aber strahlend sonnig und klar — „Kanzlerwetter“ sagen sie im Radio. Auf dem Weg zur Michaeliskirche parken wir in St. Pauli und laufen wenige hundert Meter in Richtung Michel. Weit kommen wir nicht. Weiterlesen

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