Die Nacht ist mein Freund, Teil 1

Die düstere Anti-Utopie mit realem Hintergrund, vor der uns der Flaschenpost-Artikel Auf dem Weg in die orwellsche Dystopie warnt, veranlasste mich eine kleine Strecke auf diesem Weg in die Zukunft zu gehen.

 

Überwachung des Computernutzers. Szene eines Wahlspots zur BTW09 der Piratenpartei.

Überwachung des Computernutzers. Szene eines Wahlspots zur BTW09 der Piratenpartei.

Die Nacht ist mein Freund

Die Sensorik weiß, dass ich noch schlafe. Daran besteht kein Zweifel, denn alle Parameter stimmen. Meine Augen sind geschlossen, ich atme langsam und gleichmäßig. Die Sensorik glaubt nicht, die Sensorik weiß. Sie weiß, ob ich schlafe oder nicht. Unbewegt liege ich unter der Decke, die Arme ausgestreckt und eng am Körper. Bewusst genieße ich die Ruhe vor dem Tag. Gleich wird die Sensorik leise die Lüftung anlaufen lassen, um die Wohnung auf 21 Grad zu erwärmen. Dann wird mich ihr Wecker einladen aufzustehen.

Der Morgen hat einen festen Ablauf. Während die gesteuerte Kaffeemaschine läuft, habe ich Zeit zu duschen. Die Sensorik weiß, wieviel Wasser sie dafür auf welche Temperatur bringen muss. Das Frühstück stelle ich mir individuell zusammen aus einem Angebot an Brot, Aufschnitt und Obst. Mein Verbrauch wird registriert und fehlende Lebensmittel nachbestellt. Das macht der Kühlschrank ganz automatisch über den lokalen Lebensmittellieferanten.

Während ich beim Zähneputzen vor dem Spiegel stehe, misst die Sensorik über den Fußboden mein Körpergewicht und über meine Abwärme errechnet sie die Körpertemperatur. Mit der Krankenkasse hatte ich einen günstigen Tarif vereinbart, der es mir erlaubt, weitere Körperparameter durch ein Implantat zuverlässiger ermitteln zu lassen als es durch Tragen einer medClock möglich wäre. Viele andere tragen ihre medClock noch am Handgelenk, so dass der Sensorik wichtige Informationen verloren gehen.

Nach den kalorienreichen Feiertagen finde ich mehr fettreduzierte Produkte im Kühlschrank und eine größere Auswahl an Obst und Nahrungsergänzungsmitteln. Die Sensorik kennt meinen Cholesterinwert und kann mich gesünder ernähren, als ich dazu in der Lage wäre. Auch der für mich ermittelte Bedarf an Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen geht in die Vorauswahl meiner Speisen und Getränke ein. Spätestens mit dem Aussetzen der wärmenden Lüftung wird es Zeit, die Wohnung zu verlassen; dafür habe ich ein Zeitfenster.

Das Automobil kennt den Weg, ich fahre nicht mehr selber. Die Versicherungspolice für Individualfahrer war mir zu teuer. So kann ich bereits im Wagen während der Fahrt die ersten Firmenmitteilungen lesen, ohne auf den Verkehr zu achten. Das verschafft mir einen kleinen Vorteil, denn es wird protokolliert, ab wann jeder einzelne Mitarbeiter bereit ist, seine Aufmerksamkeit der Firma zu widmen.

Abhängig vom Verkehr in den Pendlerspuren wird die Geschwindigkeit des Automobils gesteuert. So komme ich jeden Morgen pünktlich zur gleichen Zeit im Parkhaus der Firma an. Im Parkhaus wird das Automobil gewartet und elektrisch aufgeladen, bis es von Außendienstmitarbeitern benötigt wird. Es ist ein Privileg, ein Automobil alleine fahren zu dürfen.

Meine Zutrittslegitimation für das Büro weise ich durch einen RFID-Chip nach, den ich subkutan trage, seit ich in der Firma angestellt bin. Die Firma lässt jedem Mitarbeiter die freie Wahl, wo am Körper der Chip getragen werden kann – nur wenige Firmen bestehen noch auf einem festen Körperplatz. In früheren Jahren führte das zu Komplikationen im Sicherheitsbereich, als Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz zwischen Firmen wechselten, deren Legitimationschips an der gleichen Stelle erwartet wurden.

Die Firma ist Teil eines Konzerns, der Waren automatisiert durch Roboter herstellen lässt – wobei uns die neue Redensart einlädt, würdevoller von „artifiziellen Mitarbeitern“ zu sprechen. Die neue Redensart ist ein Konzernsprech, der von vielen Mitarbeitern gerne verwendet wird. Die neue Redensart ist auch auf Brainbook populär. Brainbook ist das Update von Facebook.

Auf Brainbook treffen sich alle Mitarbeiter – auch die artifiziellen. Auf Brainbook kennt man keine Unterschiede mehr zwischen Mensch und Maschine, zwischen Natur und Kunst, zwischen Ist und Soll. Im liberalen Neosozialismus haben wir alle die gleichen Rechte. Vor Brainbook sind wir alle gleich. Und jeder bekommt die Anerkennung, die anderen gefällt.

Durch geführte Interaktionen verbessert Brainbook nicht nur unsere Sprache. Auf Brainbook finden wir unsere Communitystandards – so gehört, zum Beispiel, sexuell irritierende Nacktheit schon lange der Vergangenheit an. Auf Brainbook erfahren wir, welche Trends aktuell, welche Musik gut und welche Themen wichtig sind. Wir tauschen uns aus über die neuen Vorabendserien im Televisor, deren Schauspieler unsere Idole sind. Ihre Dialoge sind Leitlinien unserer Kultur.

So ist Brainbook mehr als nur Information und Unterhaltung. Es ist wie ein Spiel, dessen Elemente in unseren alltäglichen Arbeitsablauf eingebaut sind. Das motiviert uns Arbeitnehmer und steigert unsere Produktivität. Beliebt sind vor allem Scoring-Systeme, in denen wir Mitarbeiter im Wettbewerb zueinander stehen. Wir alle bekommen Scores für gutes, gefälliges oder produktives Verhalten. Mitarbeiter mit einem hohen Scoring werden belohnt: Sie dürfen Urlaubsreisen beantragen und bekommen einen Kredit von der Goldmannbank.

Für ein geringes Scroring gibt es aber keine Strafen, nur weniger Vielfalt in der Nahrungsauswahl. Unser Scoring ist öffentlich für jeden einsehbar. Brainbook benachrichtigt mich, wenn ein enger Mitarbeiter ein niedriges Scoring bekommt. Denn das hat Einfluss auch auf mein eigenes Scoring. Brainbook belohnt dann diejenigen, die Vertrauensbrüche anzeigen, Effizienzvorschläge machen oder andere zu Korrekturgesprächen vorschlagen. So gibt uns Brainbook auch Sicherheit im Umgang miteinander. Uns gefällt das.

Über Brainbook gibt die Geheime Terror Polizei jeden Morgen einen allgemeinen Terrorbericht heraus: Nur bei guten Terrorprognosen können sportliche Großveranstaltungen stattfinden und größere Unterhaltungsshows genehmigt werden. Dabei zeigt die GeTerrPo eine hohe Verantwortlichkeit darin, keinen von uns durch beängstigende Antworten (oder Teile davon) zu beunruhigen. Seit 2015, dem Jahr der Terrorwende, ist das Verhältnis zwischen Terrorwarnungen (inkl. der abgesagten Veranstaltungen) zu real verübten Attentaten beruhigend hoch. Sicherheit ist ein Supergrundrecht.

Unsere wachsame Ängstlichkeit untereinander sorgt auch dafür, dass sich weniger Menschen mit Krankheiten anstecken. Die Vereinzelung am Arbeitsplatz, im öffentlichen Raum und auch bei privaten Zusammenkünften hat sehr positive Auswirkungen auf den allgemeinen Krankenstand – wegen der reduzierten Infektionsmöglichkeiten kommt es zu deutlich weniger Erkältungs- und Geschlechtskrankheiten. Lebe ich gesund, können mich die Beauftragten der Pharmaindustrie (altsprechlich „Ärzte“) auch für einen günstigeren Krankenkassenbeitrag vorschlagen. Daher wähle ich meine Kontakte ausschließlich über geprüfte soziale Netzwerke.

Abends bin ich sicher alleine. Die Sensorik weiß, dass ich jetzt schlafe. Daran besteht kein Zweifel, denn alle Parameter stimmen. Meine Augen sind geschlossen, ich atme langsam und gleichmäßig. Gleich wird die Sensorik die Lüftung auslaufen lassen, aber die Wohnung über 16 Grad halten. Unbewegt liege ich unter der Decke, die Arme ausgestreckt und eng am Körper.

Die Nacht ist mein Freund. Nur ich kenne ihre Träume.

 

Quellen:

Dieser Beitrag wurde unter Aufklärung, Überwachung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Die Nacht ist mein Freund, Teil 1

  1. Pingback: Die Nacht ist mein Freund, Teil 2: „Der Digitale Untergrund (DU) erwacht“ | Heterodox(ie)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.