Ausblick in die Einsicht

Mitgliedern der Piratenpartei ist der Wille gemeinsam, etwas zu bewirken. Wir sind Individuen und Individualisten, zusammengeführt durch ähnliche Wertesysteme, angetrieben über die Besorgnis bestimmter Entwicklungen und beseelt von so manch‘ einem Ideal. Und wir alle haben eine sehr persönliche Vorstellung davon, wie eine „bessere Welt” aussehen könnte. Jeder bringt sich sehr individuell, nach seinen Kräften und ganz nach seinen Überzeugungen ein.

Verwunderlich ist es daher nicht, wenn mancher Pirat manche Dinge sehr persönlich nimmt – im wahrsten Sinne des Wortes. Bestrebungen anderer, die sich nicht mit dem eigenen Weltbild in Deckung bringen lassen oder den eigenen Vorstellungen entsprechen, stoßen an die inneren Bilder und Befindlichkeiten. Gerade das hohe Maß an persönlichem Engagement aber lässt Menschen sehr schnell sehr verletzlich – und verletzend – werden.

Der gefühlte Angriff auf die persönlichen Überzeugungen wird in einer lebhaften Diskussion leicht zum real erlebten Angriff auf die eigene Person. Beredtes Beispiel dafür mögen die jüngsten Querelen im Bundesvorstand oder die Grabenkämpfe in verschiedenen Landesverbänden sein (etwa NRW und NDS). Die auf vielen Mailinglisten teils in aller Heftigkeit geführten „(Schlamm-)Schlachten” vermitteln täglich ein Bild dieses persönlichen Kampfes, der oft das Gespür für ein friedliches und erfolgreiches Miteinander schmerzlich vermissen lässt.

Es ist beschämend, wie lächerlich kleingeistig manches Wort, mancher Tweet, manche E-Mail immer wieder auf die Goldwaage gelegt wird. Es ist erschreckend, wie der Kontext des einen (un)bewusst durch den anderen ignoriert oder verleugnet wird – als wenn die Kommunizierenden nur das sehen könnten, was sie sehen wollten. Unterstellungen entstehen, schaukeln sich auf, verselbstständigen sich, und münden nicht selten in Diffamierungen und Beleidigungen.

Manche Kontrahenten verlieren dabei jede Hemmung in der Wortwahl. Und in der Borniertheit des entgleisten Gespräches wird eine breite Öffentlichkeit auch nicht gescheut, sondern bewusst gesucht – glauben sich die Enthemmten doch beide im Recht und suchen nach Unterstützung und Bestätigung der eigenen Überzeugungen – mit fatalen Folgen in der Außenwirkung der gesamten Gemeinschaft.

Zur Ehrenrettung der Piraten sei jedoch folgendes angemerkt: Jeder politische Diskurs zwischen Individuen, die einem gemeinsamen Ziel zustreben, ist naturgemäß heftig, darf und soll es auch sein. Eine Diskussion, die ohne Leidenschaft geführt wird, erlebt nicht die Tiefe, die Zustimmung oder Ablehnung, die ihr möglich wäre. Und sollte der Diskurs in einen Konsens münden, so darf sich dieser einer breiten Unterstützung sicher sein.

Hier sei ein Seitenhieb auf andere Parteien erlaubt, die ihre Zusammenkünfte   (Parteitage) ohne erkennbare, offene und breite Diskussion zum Abnicken bereits vorgefasster Beschlüsse verschwenden. Auch die (Wieder-)Wahl von Politikern mit Zustimmungen von teils über 97% – nicht nur in jüngster Vergangenheit – scheint wenig glaubhaft vor dem Hintergrund einer lebendigen Demokratie.

 

Vom Individuum zur Gesellschaft – Einzelinteressen kontra Gemeinwohl

Zur Vermeidung der geschilderten und von vielen Menschen bereits persönlich erlebten Exzesse, sind schon viele Regeln aufgestellt worden. Allein der Wille zur Umsetzung eines solchen Reglements scheint nicht oder nur sehr kurzfristig vorhanden zu sein.

Die grundlegenden Mechanismen dafür sind weit über die Parteien hinaus tief in der Gesellschaft verwurzelt. Der Unwille, den Anderen als gleichberechtigten Diskussionspartner anzuerkennen (mangelnder Respekt) oder die Unfähigkeit, eine von der eigenen abweichende Meinung bestehen zu lassen, sind hier als wichtige Gründe zu nennen.

Doch die eigentliche Ursache scheint in der Unfähigkeit vieler Menschen zu gründen, ihre persönliche Wahrnehmung nur unzureichend in den jeweiligen Gesamtkontext stellen zu können – meist erschreckend deutlich zum eigenen Nachteil.

Wenn die Europäische Gemeinschaft ihren Fischereiflotten Fangquoten auferlegt, sieht sich jeder einzelne Fischer benachteiligt, ohne sich darüber bewusst zu werden, dass ein Bestandsschutz bestimmter Fischarten auch das eigene, berufliche Überleben sichert. Auf Klimakonferenzen gelingt es nicht, global verbindliche Obergrenzen für CO2-Emissionen festzulegen, weil nationale, wirtschaftliche Interessen wichtiger erscheinen als eine Lösung für das Gesamtproblem „Klimawandel“. Und im Mikrokosmos einer beliebigen Mailingliste scheinen sich Diskutanten weder über den eigenen Ruf noch über die Auswirkung ihrer Aussetzer auf alle anderen bewusst zu werden.

 

Ausblick in die Einsicht

Jeder, der über den eigenen Tellerrand hinausschaut, mag erkennen, dass das eigene Handeln immer auch Vorbild für jeden anderen ist: Wer beleidigt, könnte selbst beleidigt werden; wer eine Waffe zieht, muss damit rechnen, dass auch der andere eine hat; wer eine Forderung aufstellt, sollte sie so formulieren, dass sie allgemein gültigen Charakter bekommt.

Mehr Bewusstsein der Aktiven über diese Mechanismen und mehr Mut der Passiven, auf diese Mechanismen aufmerksam zu machen, mag helfen, wieder mehr miteinander als gegeneinander zu arbeiten. Das Grundverständnis, dass in einer Gemeinschaft niemand alleine agiert, muss stets erneut erlangt und verlangt werden.

Um „über sich selbst hinauswachsen” zu können bedarf es daher eines stetigen Austausches aller Beteiligten auch darüber, dass in der Gemeinschaft jeder Einzelne nur Anteil hat. Einzelinteressen und Individuen bilden nur über sich selbst hinaus die Gesamtheit, den Konsens, die Gemeinschaft.

Und übrigens: Lob und Anerkennung sind Ausdruck gegenseitigen Respekts, Freundlichkeit und höfliche Umgangsformen sind seit Jahrtausenden bewährte Methoden, sich dem anderen nicht nur inhaltlich zu nähern – und Schweigen zur rechten Zeit, ist eine hohe Kunst, in der sich mancher noch üben sollte.

(Urfassung vom 12.02.2013, Hans vom Schloß)

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